Förderverein Invalidenfriedhof e.V.



Rezension zu dem Buch "Der Invalidenfriedhof - Rettung eines Nationaldenkmals" von MuR Dr.sc. Kurt Wernicke, Luisenstädtischer Bildungsverein, 10245 Berlin

Auf dem Weg zur Rettung eines Nationaldenkmals

Dass Friedhöfe nicht nur Kult-, sondern auch Kulturstätten sind, hat sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit erst recht spät festgesetzt: erst als Grabdenkmäler von hohem kulturhistorischen Wert anlässlich von Gedenkausstellungen zum Ruhme bedeutender Künstler als Teil von deren Schaffen begriffen wurden und die Nachfrage nach ihnen ergab, dass diese wegen der Aufgabe, Überbauung oder gezielten Zerstörung der betreffenden Standorte - nämlich Friedhöfe! - oftmals unwiederbringlich verloren waren, da dämmerte es Kunsthistorikern, Museumsleuten und Denkmalpflegern, dass Grablegungsareale nicht nur Stätten für Denkmale, sondern in vielen Fällen selbst Denkmale sind. Aus der fast unübersehbaren Fülle von Friedhöfen heben sich allerdings etliche heraus, denen Anlage, Belegung und kunsthistorische Bedeutung dort vorhandener Grabdenkmäler einen besonderen Stellenwert für Geschichte (einschliesslich Kultur- und Sozialgeschichte) verleihen. Für die preußische Geschichte sei da - ohne andere zu unterschätzen - nur erinnert an den Friedhof von Potsdam-Bornstedt und aus der Reihe der 264 Berliner Friedhöfe an die der Jerusalemer und Neuen Gemeinde vor dem Halleschen Tor, den Alten Garnisonsfriedhof in der Kleinen Rosenthaler Straße und den Invalidenfriedhof in der Scharnhorststraße.

Über letzteren sind seit 1990 mehrere Publikationen erschienen, die u.a. seine Geschichte der um sie gewobenen bzw. unkritisch weiter getragenen Legenden entkleideten und klar stellten, dass er keineswegs ein nur hohen Militärs vorbehaltener Ort war: 1748 im Zusammenhang mit dem gerade eingeweihten benachbarten Invalidenhaus angelegt, diente er ebendiesem als Grabstätte, nahm mit der Besiedlung der Gegend vor dem Oranienburger Tor seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend auch Ziviltote auf und wurde nur zum kleineren Teil (nämlich das Grabfeld "C") im Zusammenhang mit der Überführung Scharnhorsts von Prag (wo er 1813 verstorben war) nach Berlin im Jahre 1824 von König Friedrich Wilhelm III. "militärischen Celebritäten" vorbehalten. Im wesentlichen war es aber das Feld "C" und nach 1871 die daran anschliessende Erweiterung (genannt Feld "E" und "F"), das nach dem verpflichtenden Vorbild des von Schinkel entworfenen und vom Bildhauer C. F. Tieck ausgeführten Scharnhorst-Grabmals sowohl vom preußischen Staat wie auch von finanziell entsprechend ausgerüsteten Nachkommen höherer Militärs mit anspruchsvollen Grabdenkmälern geschmückt wurde. Aber mit der Hoch-Zeit preußischen Militärs zwischen 1813 und 1918 ging nach dem Ersten Weltkrieg auch die Bedeutung des Invalidenfriedhofs zurück: 1925 wurden noch ca. 6.000 Grabstellen gezählt, keine zwanzig Jahre später waren es höchstens noch die Hälfte: der Ablauf der Liegefristen (und wohl auch das schwindende Vermögen vieler Familien) hatte zum Verlust der anderen Hälfte geführt...

Obgleich noch bis Sommer 1961 dort Beisetzungen stattfanden, bot der Invalidenfriedhof, der im April 1945 auch noch Ort von Kampfhandlungen geworden war und dem sich nach der Währungsreform von 1948 infolge der damit verbundenen Berliner Währungsspaltung in Ost- und Westmark Buntmetalldiebe widmeten, zunehmend ein Bild der Vernachlässigung. Im August 1961 rückte er gar in die Zone der befestigten DDR-Grenzanlagen und musste Gelände für eine Vormauer und den berüchtigten "Todesstreifen" hergeben, was zur rigorosen Abtragung (und nur manchmal zur Umsetzung) von Grabmalen führte.

Der Besuch der Anlage war in Folge dessen nur noch eingeschränkt möglich. Erst mit der Preußen-Renaissance in der DDR verbesserten sich die Chancen für die dortigen Denkmalpfleger, dem Invalidenfriedhof wieder Aufmerksamkeit widmen und dem Verfall Einhalt gebieten zu können. Ein Memorandum an den Ost-Berliner Magistrat brachte 1987 ins Spiel, dass man den Friedhof unter "Denkmalsverdacht" stellen müsse. Bevor Entscheidungen fielen, kam jedoch mit dem Herbst 1989 die Wende, die nun wieder ungehinderten Zugang ermöglichte und interessierte Besucher aus dem Westteil Berlins und den alten Bundesländern anlockte. Die in allen seitherigen Veröffentlichungen artikulierte - und durchaus berechtigte - Erschütterung angesichts des vorgefundenen Zustands der meisten Grabdenkmäler würde sich aber deutlich relativieren, wenn dieselben erschütterten Besucher auch einmal den Weg zu den Friedhöfen in der Bergmannstraße am Kreuzberger Südstern finden würden: dort kann man sich bis dato genauso über den Zustand aberdutzender Erbbegräbnisse echauffieren, wenn man nicht begreifen will, dass selbst bei gutem Willen der Verantwortlichen jeglicher aus öffentlicher Hand finanzierten Denkmalpflege bzw. -restaurierung der Atem ausgehen muss bei deren Bemühen, mit beschränkten Finanzen dem Verfall von kulturhistorisch wertvollen Grabstätten Einhalt zu gebieten, für deren Erhalt häufig genug schon seit längerem keine Hinterbliebenen mehr aufkommen.

Im Falle des Invalidenfriedhofs hat sich aus der dringenden Notwendigkeit, ein Geschichts- und Kulturdenkmal von nationalem Rang nicht nur vor weiterem Verfall zu schützen, sondern auch sukzessive wieder herzustellen, im November 1992 ein Förderverein gebildet, der seinen Zweck darin sieht, als Lobby für das Bewusstsein von dessen hoher kultureller Bedeutung sowie für die Beschaffung von Geldern zu wirken, mit denen öffentliche Hand und privates familiäres Engagement zusammen Stück für Stück Erhaltenes schützen und renovieren und Beschädigtes oder Zerstörtes restaurieren können. Zum 10. Jahrestag des Bestehens des "Fördervereins Invalidenfriedhof e.V." hat dieser ein recht umfangreiches Resümee der seit einem Jahrzehnt vorgenommenen restauratorischen Arbeiten vorgelegt, dessen Zusammenstellung Klaus von Krosigk besorgte, der in seiner Eigenschaft als Fachbereichsleiter der Gartendenkmalpflege im Landesdenkmalamt Berlin (wo er zugleich als Stellvertreter des Landeskonservators Jörg Haspel fungiert) in der ganzen Zeit die Konservierungs- und Restaurierungsanstrengungen auf dem Friedhof verantwortlich begleitet hat. Mit den Kapiteln zur Geschichte des Fleckens Erde um das Invalidenhaus und einem Essay zur Grabmalkunst von Schinkel (von dessen diversen dazu gehörenden Entwürfen der Invalidenfriedhof mit den Grabmälern von Scharnhorst, Tauentzien, Witzleben und den Brüdern Pirch immerhin vier der besten zu präsentieren vermag) ist er auch als Autor präsent.

Den größeren Teil des Bandes nehmen aber die Berichte von zwei Landschaftsplanern (Asemina Bruch-Selmanagic und Detlev-Jürgen Pietzsch) und einem Kunsthistoriker (Jörg Kuhn) ein, die 85 erhaltene bzw. restaurierte oder gar kopierte Grabdenkmäler historisch und kunsthistorisch erklären und einen kurzen Restaurierungsbericht hinzufügen. Das ist verständlicherweise jener Teil der Veröffentlichung, der beim (potentiellen) Besucher auf das höchste Interesse stoßen wird, denn er führt nicht nur das Grabmal und die sich dahinter abzeichnende Person vor, sondern teilt auch mit, welche Schritte zur Wiederherstellung der einstigen Bedeutung des Ortes daran konkret abzulesen sind. Ein Übersichtsplan gleich auf den ersten Seiten des Bandes zeigt nicht nur die Stellen der 85 dokumentierten Grabstätten auf, sondern gibt auch Einblick in die Lage jener Restitutionssteine, die an die Stelle der hinter der DDR-Vormauer eingeebneten, aber nach den alten Lageplänen örtlich genau zu lokalisierenden Grabstätten getreten sind. Mit grosser Freude konnte der Förderverein anlässlich seiner Jahresversammlung 2004 im Juni d. J. übrigens feststellen, dass die verdienstvolle Publikation nur ein Jahr nach ihrem Erscheinen auf dem Buchmarkt eigentlich schon wieder einer Ergänzung bedürfte, da seither weitere Erhaltungs- und Restaurierungsmassnahmen griffen und den Vereinsmitgliedern durch v. Krosigk mit sichtlichem Stolz präsentiert wurden: durch die komplette Wiederherstellung der korinthischen Säulen an der Grabanlage der Familie v. Boyen einschliesslich dem Nachguss der von dem berühmtesten Schadow-Schüler C. D. Rauch dafür geschaffenen Kapitelle und Victorien bietet sich die Scharnhorst-Grabanlage nun wieder so dar, wie sie in den 1840'er Jahren von Friedrich Wilhelm IV. skizziert und vom begabten Schinkel-Schüler J. F. Strack ins Leben gerufen wurde - als ein grabarchitektonisches Gesamtkunstwerk von hohem kulturhistorischen Wert...

Einen bedeutenden finanziellen Zuschuss zu der Publikation leistete die "Stiftung von Rohdich'scher Legatenfonds", die auf eine testamentarische Verfügung des 1796 verstorbenen preußischen Generals und Kriegsminister Friedrich Wilhelm von Rohdich zurückgeht, der seine Gelder und Liegenschaften einem Unterstützungsfonds vermachte - darunter auch sein Haus in Berlin, Pariser Platz 3. Nachdem der wieder konstituierte Legatenfonds schon 1997/98 eine Restaurierung des erhaltenen Grabmals seines Begründers im Feld "A" zu einem wahren Schmuckstüxk finanziert hatte, konnte er nun nach einem Vergleich mit dem gegenwärtigen Besitzer des Grundstücks Pariser Platz 3 den Förderverein erneut großzügig unterstützen.

Der Invalidenfriedhof. Rettung eines Nationaldenkmals. Hrsgg. vom Förderverein Invalidenfriedhof e.V. in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Gartendenkmalpflege des Landesdenkmalamts Berlin, L&H Verlag Hamburg 2003, 116 S. reich ill., 24.80 ISBN 3-928119-83-4

Als instruktiver Wegweiser liegt ausserdem seit Ausgang 2003 vor: Laurenz Demps/Christian Scheer/Hans-Jürgen Mende, Invalidenfriedhof. Ein Friedhofsführer. Edition Luisenstadt Berlin 2003, 55 S.;
beim Förderverein erhältlich für 5.00 ISBN 3-89542-124-3

Alle Rechte an der Rezension bei: MuR Dr.sc. Kurt Wernicke, Luisenstädtischer Bildungsverein, 10245 Berlin

Stand:30.06.2004


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